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Lateinische Quellen zum Jüdischen Leben im Mittelalter

Anhand von lateinischen Texten aus Westfalen haben sich die Schüler:innen des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Dortmund auf Spurensuche begeben. Die historische Perspektive zeichnet ein erschreckendes Bild jüdischen Lebens im Mittelalter: antisemitische Pogrome und grausame Foltermethoden. Aber auch eine interessante Beschreibung der internationalen ökonomischen Kontakte unter Juden. Aus den Ergebnissen ist eine bebilderte Broschüre für den Latein-Unterricht entstanden.

Aufruf zum Ersten Kreuzzug

Papst URBAN II. rief am 18. November 1095 in Clermont zum Ersten Kreuzzug auf, um die heiligen Stätten in Jerusalem in Besitz nehmen. Dieser Eroberungszug wurde religiös gerechtfertigt: „Deus Io vult“ oder auf Deutsch „Gott will es“. Demnach brachen 1096 Kreuzfahrer, bestehend aus unorganisierten Bauern und gut bewaffneten Rittern, zur Eroberung des Heiligen Landes nach Palästina auf.

Judenmord in Rheinland und dessen Folgen

Auf den Weg nach Palästina durchquerten die Kreuzfahrer aus Frankreich das Rheinland und es kam beispielsweise in Mainz und Worms zu Pogromen gegenüber jüdischen Bürgern. Hierzu schreibt HEINRICH VON HERFORD (um 1300-1370): „Und zuerst griffen sie die Juden in den Städten an, zwangen sie, an Christus zu glauben, töteten diejenigen, die nicht glauben wollten, beraubten sie ihrer Habe und vertrieben sie aus den Städten. Einige der Juden töteten sich wechselseitig aus Eifer für das väterliche Gesetz. Andere gaben eine Zeit lang vor zu glauben und kehrten nachher zum Judentum zurück.“1

Motive der Kreuzfahrer und Kritik in der westfälischen Geschichtsschreibung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit

Neben der Rache an den mutmaßlichen Christusmördern waren die Zwangstaufe und Habgier zentrale Beweggründe der Ausschreitungen gegen Juden. Diesbezüglich machten sich die Kreuzzügler 1096 auf den Weg in das Heilige Land und waren überzeugt ihren Bekehrungsauftrag auch schon in Europa umzusetzen. Diesen Judenmord begingen die Kreuzzügler nach Meinung des Paderborner Jesuiten Nicolaus SCHATEN (1608-1676) „unter dem Vorwand der Religion und der Strafen (an den Juden), obwohl sie deren Güter aus Habsucht zur Beute raubten.“2 Insgesamt wurde der Judenmord im Jahr 1096 also in der westfälischen Geschichtsschreibung kritisch aufgefasst und die Kreuzfahrer als gierig und sündenhaft angesehen.

Hintergründe der Pogrome 1348/50

In den Jahren 1347 bis 1353 brachte die Pest in Europa ca. ein Drittel der Bevölkerung, also fünfundzwanzig Millionen Menschen, den Tod. Heute ist es uns bekannt, dass die Pest durch Floharten auf den Menschen übertragen wurde und dass die miserable Hygiene die Verbreitung in mittelalterlichen Städten beschleunigte. Da allerdings diese Erkenntnisse im Mittelalter noch nicht erforscht waren, schrieben viele Menschen den Juden die Schuld für die Pestausbreitung zu, indem diese etwa Brunnen vergiftet hätten.

Diese Schuldzuweisung traf auf nahrhaften Boden, weil die mittelalterliche Gesellschaft schon vorher viel Abneigung gegenüber Juden hatte. Der Tatsache, dass  Juden genauso wie alle andere Menschen unter der Pest litten und starben, wurde bei der Suche nach einem Sündenbock nicht beachtet. Des Weiteren verbreitete sich die Pest auch in Gebieten, in denen keine Juden lebten, und es erscheint auch zweifelhaft, dass jüdische Zugeständnisse zu ihrer Beteiligung an der Pestausbreitung unter Folter wahrhaft erscheinen.3

Folgen der Pogrome 1348/50

Viele Juden wurden infolge der Pogrome umgebracht oder aus ihren Heimatorten vertrieben. Außerdem begingen manche Suizid, um der schmerzhaften Folter zu entgehen. Andere hingegen wurden gezwungen sich zu taufen und zu dem Christentum zu bekehren. Die Konsequenz war, dass Juden aus dem Alltag der Gesellschaft verschwanden, einerseits weil viele getötet wurden und anderseits weil die Überlebenden sich verborgen hielten. Daher wurde das Judentum als Randerscheinung oder als Sekte angesehen und es fand kein Konsens über die Pogrome statt.

Motive der Judenverfolgung in den Pestjahren

Zusammenfassend konnten weder die geistlichen oder die weltlichen Kräfte die Ausbreitung der  Pest  stoppen. Daher versuchten sie den einhergehenden Autoritätsverlust durch die Schuldzuweisung der Juden zu kompensieren.

Kritische Stimmen in der westfälischen Geschichtsschreibung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit

Der größte Anteil der Zeitgenossen und der Nachwelt traute es den Juden zu, durch Brunnenvergiftungen die Pest verbreitet zu haben. Hiernach sprachen sich Graf Engelbert III. von der Mark und die Stadt Dortmund ab 1350 jüdische Besitztümer zu beschlagnahmen, damit diese niemanden vergiften konnten. In diesen Bezug erkundigte sich die Stadt Coesfeld über das vermutete jüdische Gift. Dies fasst Nicolaus SCHATEN zusammen: „Der Ursprung des Übels wurde einerseits in natürlichen Ursachen, anderseits aber besonders bei den Juden gesucht, durch deren Treulosigkeit man die Quellen vergiftet glaubte.“ Auch bei den Pogromen 1348/50 profitierten Christen von der Judenverfolgung: „Damals soll der Graf von Mark […] viel Geld von dem Gut der Juden in Dortmund und anderswo erhalten haben.“ Hierbei nahmen nahezu alle westfälischen Geschichtsschreiber an, dass die Juden an der Pestausbreitung schuld waren oder beurteilten die Schuldfrage erst gar nicht und beschrieben lediglich die historischen Abläufe der Jahre 1348/50. Im Kontrast dazu kritisierten zwei Personen, HEINRICH VON HERFORD und Heinrich TRIBBE, diesen Judenmord.

So vertrat Heinrich TRIBBE4 die Ansicht, dass Juden nach Psalm 59,12 nicht getötet werden sollten, damit Christen sich immer durch sie an Christi Tod erinnern würden, damit diese sich auch letztendlich bekehren ließen und damit Juden als Zeugen vor dem Weltgericht herangeführt werden könnten. Nichtsdestotrotz definierte TRIBBE ebenfalls die Juden als Feinde des Christentums.
HEINRICH VON HERFORD hingegen lehnte die Pogrome aus menschlichem Mitgefühl ab, weil Juden „wie Schweine auf schrecklichste Weise abgeschlachtet“ wurden und glaubt auch nicht an einer jüdischen Schuld für die Pest.  

Aufgabe 1: Arbeite Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Judenmordes 1096 und der Pogrome 1348/50 heraus.

Aufgabe 2: Nimm Stellung zu der Frage, ob wir etwas aus diesen historischen Ereignissen lernen können und wo eventuell gegenwärtig Antisemitismus vorkommt.

 

1HEINRICH VON HERFORD (um 1300-1370), Dominikaner, Historiker, Theologe und Autor des Liber de rebus memo-rabilioribus.

2Nicolaus SCHATEN (1608-1676), Jesuit und Autor einer Historia Westphaliae und der Annales Paderbornenses über die Geschichte des Bistums Paderborn.

3Abb. 2: Von Autor unbekannt - European chronicle, scanned and cropped from A History of the Jewish People by H.H. BEN-SASSON, ed. (Harvard University Press, Cambridge, 1976) p.564-565 ISBN 0-674-39730-4

4Heinrich TRIBBE (lebte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts), Domherr in Minden und Chronist.

 

Erstellt von: Jan STEGMANN (Q2), Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (04/2022).

Judenmord im Ersten Kreuzzug

Im Jahr 1096 machten sich Kreuzfahrer aus Europa auf den Weg in das Heilige Land Palästina, um die Muslime aus Jerusalem zu vertreiben und es wieder in christlichen Besitz zu bringen. Papst URBAN II. rief zu diesen Ersten Kreuzzug im November 1095 auf. Auf den Weg der Kreuzfahrer nach Palästina durchquerten diese das Rheinland, das in diesen lateinischen Texten beschrieben wird.

T1: Nicolaus SCHATEN (1608-1676)1, Annalium Pader-bornensium pars prima, lib. VII (veröff. 1692):
Hi priusquam e Germania excederent, Moguntiae, Wormatiae et Spirae aliisque in locis saevire in Ju-daeos trucidando, quotquot primo se furori ob-tulere, tamquam his victimis litaturi Christo; ac specie quidem religionis et stipendiorum haec agebantur, cum per avaritiam bona eorum raperent in spolium.

Moguntia: Mainz.Wormatia: Worms.Spira: Speyer. saevire: wüten.trucidare: abschlachten.tru-cindando, quotquot primo se obtulere, tamquam … litaturi Christo: indem sie diejenigen abschlachteten, sich ihrem Rasen zuerst entgegenstellten, als ob sie durch diese Opfer Christus besänftigen wollten.specie: unter dem Vorwand.stipendium, i n.: hier: Strafen (an den Juden). – cum (mit Konj.): obwohl.in spo-lium: zur Beute.

 


T2: HEINRICH VON HERFORD (um 1300-1370)2, Liber de rebus memorabilioribus sive Chronicon:
Et primo Iudaeos in urbibus aggressi, compellunt ad credendum in Christum; credere no-lentes trucidant, rebus spoliant, urbibus eliminant. Aliquique Iudaeorum zelo patriae legis tenendae ducti se mutuo trucidant. Alii se credere ad tempus simulant, et post ad Iu-daismum revertuntur.


compellere: drängen.credere nolentes = omnes, qui credere nolunt. – spoliare: berauben, plündern. eliminare: treiben … aus. - zelo patriae legis tenendae ducti: aus Eifer für das väterliche Gesetz. se mutuo: sich gegenseitig.ad tempus: für eine Zeit. reverti, or: zurückkehren.

Pogrome 1348/50

Viele glaubten 1348/50, dass Juden Brunnen vergiften würden und somit die Ausbreitung der Pest beschleunigen würden. So haben etwa die Stadt Dortmund und Graf ENGELBERT III. von der Mark 1350 beschlossen, jüdische Besitztümer zu beschlagnahmen, um ähnliche Ereignisse zu verhindern. Dies wird auch in der westfälischen Geschichtsschreibung festgehalten:

 

T3: Johann NEDERHOFF3, Cronica Tremoniensium [Dortmunder Chronik] (verf. um 1450):

Iudaei per totam Almaniam igne cremabantur, quia suspecti habebantur, quod fontes et puteos intoxicassent et aliqui torti idem confessi fuerant.

Almania = Alemania: Deutschland.ignis, nis m.: Feuer.cremare: verbrennen.suspectus habere: für verdächtig halten.puteus, i m.: Brunnen. – intoxicare: vergiften. – aliqui torti: einige, nachdem sie gefoltert worden waren.confiteri, confessus sum: bekennen.

 

 

T4: LEVOLD VON NORTHOF (1279-1358/59)4, Die Chronik der Grafen von der Mark:
Tunc vero omnes Iudaei in Colonia interfecti sunt sub occasione praedicta. Tunc comes de Marka multam pecuniam de bonis Iudeorum in Tremonia et alibi dicitur habuisse, quae tota ad eius utilitatem non creditur pervenisse.

Colonia: Köln.occasio, nis f.: Gelegenheit.praedictus, a, um: vorher erwähnt. – Konstruiere: Tunc co-mes …. pecuniam … habuisse dicitur. – comes de Marka: Graf von der Mark; gemeint ist Graf ENGELBERT III. (reg. 1347-1391). – Marka: die Grafschaft Mark (ein Gebiet mit der Stadt Hamm/Westf. als einen ihrer Hauptorte). – Tremonia: Dortmund.ad utilitatem pervenire: zu Nutze kommen.

 

 

T5: Gobelinus PERSON (1358-1421)5, Cosmidromius (eine 1406-1418 verfasste Weltgeschichte):
Et deinde anno sequente pestilentia […] inchoante maxima persecutio Iudaeorum facta est ita, ut fere in omnibus civitatibus Iudaei ignibus traderentur. Si qui tamen fidem Chris-tianam suscipere volebant, vitam salvare potuerunt.

anno sequente pestilentia inchoante: im folgenden Jahr und mit Beginn der Pestseuche.persecutio, nis f.: Verfolgung. fidem … suscipere: den Glauben annehmen. salvare: retten.

 

 

T6: Hermann VON KERSSENBROCK (um 1519-1585)6, Anabaptistici Furoris Monasterium inclitam Westphaliae metropolim evertentis historica narratio:
Hi enim, cum Christianos avido fenere exhaurirent, negotiationibus suis callide circumve-nirent, ad se omnia traherent, nihilque non in Christianorum perniciem, cum suis tantum rebus cumulandis desudarent, suo more molirentur, dirutis tam synagoga quam aedibus abacti sunt.

hi = Iudaei. – avidus: habgierig. fenus, neris n.: Wucher.exhaurire: auspressen. – negatiatio, nis f.: Geschäft.callide circumvenire: trickreich betrügen. nihilque non = et omnia. – cumulare: anhäufen.desudare: sich abmühen. – moliri: planen, unternehmen. diruere: zerstören. – abigere, egi, actum: vertreiben.

 

 

Erstellt von: Jan STEGMANN (Q2), Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (04/2022).

 

1Nicolaus SCHATEN (1608-1676): Jesuit und Historiker; vgl. den Wikipedia-Artikel.
2HEINRICH VON HERFORD (um 1300-1370): Dominikaner, Historiker und Theologe.
3Johann NEDERHOFF: Dortmunder Dominikaner, Chronist im 15. Jahrhundert.
4LEVOLD VON NORTHOF: Domherr zu Lüttich und Historiker in der Grafschaft Mark.
5Gobelinus PERSON: Paderborner Geistlicher, Historiker und Kirchenreformer.
6Hermann VON KERSSENBROCK: Rektor des Gymnasium Paulinum in Münster.
7Heinrich TRIBBE (lebte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts): Domherr in Minden und Chronist.

Bestrafung: streng, strenger, am strengsten

Wilhelm NEUHAUS (1674-1744) war ein in den klassischen Sprachen vorzüglich ausgebildeter Theologe calvinistischen, d. h. reformierten Bekenntnisses. Er unterrichtete 1701-1725 in Hamm/Westf. am Gymnasium Academicum, dem heutigen Gymnasium Hammonense, die Fächer Philosophie, Rhetorik und Geschichte, dazu auch Theologie. Im Jahr 1725 veröffentlichte er Otia parerga („In Mußestunden nebenbei verfasste Werke“), eine umfangreiche Sammlung seiner meist lateinischen Gelegenheitsgedichte. Eines seiner Gedichte (OP 4,84, S. 563) spielt an auf eine bis ins 17. Jahrhundert hinein praktizierte, grausame Hinrichtungsart für Juden.

Diese Strafverschärfung entstand im 9. Jh. in Spanien, wanderte um 1000 nach Italien ein und fand von dort sei-nen Weg nach Deutschland und die Nie-derlande, wurde aber vor 1500 nicht oft vollstreckt. Die „jüdische Exekution“ ist eine im Deutschen Reich seit dem 11. Jh. bekannte Sonderform des Hängens und grausame Hinrichtungsform, die man aber erst vom späten 13. bis zum frühen 17. Jh. für Juden praktizierte, die wegen schweren Diebstahls verurteilt worden sind. Für die deutschen Lande ist die „jüdische Exekution“ erstmalig für einen Juden 1296 in elsässischen Soultzmatt erwähnt. Danach kommen entsprechende Berichte 1326 für den Hennegau, 1444 Frankfurt für zwei Juden, 1462 Halle/S., 1486 Dortmund, 1499 Hanau, 1505 Breslau, 1553 Württemberg, 1588 Bergen, 1611 Öttingen, 1615 Frankfurt, 1637 Preußen sowie 1661 Frankfurt (vgl. besonders das Stichwort „Hanging“ in der englischsprachigen Wikipedia, dort der belegreiche Abschnitt „Inverted hanging, the ‚Jewish‘ punishment“).

Ad GARGILIANUM, de Mose judaeo fure,
cum cane suspenso.

Supplicium meruit Moses, fur pessimus; ergo
funi funesto colla premenda dedit.
Supplicium non solus adit, canis it comes, idem
innocuus laqueo colla premenda dedit.
Ambo pendebant. I nunc, et Gargiliane,
esse animal fidum, perge negare canem!


Gargilianus: ein Kunstname, vielleicht eine Anspie-lung an ‚gargoyle‘, teufels- oder fledermausähnliche Wasserspeier an gotischen Gebäuden. – fur, ris m.: Dieb. canis, nis m.: Hund. - suspendere, penso, pensi, pensum: aufhängen.

v.1: supplicium, i n.: Bestrafung, Hinrichtung. merere, reo, ui, itum: verdienen, bekommen.
v.2: funus, nis m.: Seil, Strick.funestus, a, um: hier: Tod bringend.collum, i n.: Hals (poetischer Plural, als Singular übersetzen). – premere, no, pressi, pressum: zusammenschnüren, -binden.
v.3: canis: hier prädikativ verwendet.
v.4: innocuus, a, um: schuldlos, unschuldig. laqueus, i m.: Strick.
v.5: pendere: hängen. i (Imp. Sg. von ‚ire‘): hier: höre auf, lass es sein.et: auch Du, …
v.6.: fidus, a, um: treu.pergere: anfangen.

 

Aufgaben zu W. NEUHAUS, Otia parega 4,84. Hamm 1725, 563:

1) Suche Informationen über Hinrichtungsarten im Mittelalter, besonders über den Unterschied zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Hinrichtungsraten.


2) Stelle alle Teilschritte der „jüdischen Exekution“ zusammen, indem Du den Be-richt eines westfälischen Autors auswertest. Der Dortmunder Geschichtsschrei-ber Dietrich WESTHOFF (1509-1551) notiert einen düsteren Vorfall in der Reichs-stadt (hier zitiert nach einer kürzeren Textfassung in: Historische Beschreibung der Stadt und Grafschaft Dortmund von Dethmar Mülher und Cornelius Mewe 1616, in: J. S. Seibertz [Hg.], Quellen der Westfälischen Geschichte, Bd. 1. Arns-berg 1857, 281-380, dort 338f.):
„1486. Dieses Jahr am Tage des heiligen Evangelisten Lukas, am 18. Oktober, wurde in Dortmund ein Jude, Michael genannt, der Werkzeuge und eine eigene Ausrüstung hatte anfertigen lassen, womit man Häuser auf tun konnte, bei seiner Stehlerei im Hause eines Leinewebers, wo er Laken vom Gestell geschnitten hatte, auf frischer Tat ertappt. – Und ihm wurde darüber ein Malzeichen in seinen Rücken geschlagen, und er wurde vor Gericht gestellt in folgender Weise, daß sie ihn außen vor das Richthaus gebracht haben, wo die Richter drinnen im Richt-hause auf einer besonderen Bank saßen vor den vier Bänken, und er hat das Ge-sicht zu dem Markt hin gekehrt. – Und als ihm seine Beschuldigung und Missetat vorgelesen wurde, gab er deren Richtigkeit zu. Und schließlich hat der Büttel, nachdem der Richter dem Geständnis gefolgt war, den nachfolgenden Spruch und das Urteil gewiesen des Inhalts: nach der Beschuldigung, die man ihm vorwirft und von der er zugibt, sie getan zu haben, weise ich als Recht, daß man ihn hängen soll an den Füßen aufwärts lebendig an einem besonderen Galgen und das Haupt niederwärts zur Erde zwischen zwei lebendige Hunde. – Und er ist darauf auf ei-nem Karren mit zwei Hunden hinausgeführt worden. Es wurde ihm auch ein eige-ner Galgen aus Holz gezimmert. Und als die Hunde auch an den Füßen lebendig in Säcken aufgehängt worden waren, zog man danach die Säcke unten auf. So hingen die drei Hunde zusammen am Galgen, und so nahm ihr Leben eine Ende“ (in modernisierter Orthographie bei D. ASCHOFF: Geschichte der Juden in Westfa-len im Mittelalter [Geschichte und Leben der Juden in Westfalen 5]. Münster 2006, 171).


3) Das ganze Hinrichtungsverfahren hat nach D. ASCHOFF, a.a.O. (wie Aufg. 2) 2006, 172f. eine klare Tendenz: „Die besondere Hinrichtung diente eben nicht nur der Verschärfung der Strafe, Erhöhung der Qual und Verstärkung der Abschreckung. Die Beihängung von Hunden, von denen christliche Diebe später grundsätzlich verschont blieben, hängt ohne Zweifel mit dem Bestreben zusammen, den Delin-quenten noch im Tode als Juden zu treffen und zu entwürdigen.“ Erkläre diese Bewertung der Judenstrafe. Was könnte zur Erklärung und Bewertung der Juden-strafe noch hinzugefügt werden?

 

Erstellt von: Ruth IN DER HEGGEN (Q2) & Charlotte NÖCKER (Q2), Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (04/2022).

Hate speech gegen Juden und Judenfreunde – in Latein

Wilhelm NEUHAUS (1675-1744) war ein in den klassischen Sprachen vorzüglich ausgebildeter Theologe calvinistischen, d. h. reformierten Bekenntnisses. Er unterrichtete 1701-1725 in Hamm/Westf. am Gymnasium Academicum, dem heutigen Gymnasium Hammonense, die Fächer Philosophie, Rhetorik und Geschichte, dazu auch Theologie. Im Jahr 1725 veröffentlichte er Otia parerga („In Mußestunden nebenbei verfasste Werke“), eine umfangreiche Sammlung seiner meist lateinischen Gelegenheitsgedichte. Eines seiner Gedichte (OP 9,88, S. 563) fällt auf durch seine hoch aggressive Anrede an eine Person, die mit einem Juden befreundet ist. – Der ursprüngliche Text ist an die von der Schule gewohnte klassisch lateinische Orthographie und Interpunktion angeglichen worden.

In Gargylum, hominem impurum,
Iudaeo Schlomio familiariter utentem.

Gargyle, sectaris sordes, ut amica luto sus,
Et maculat famam vita profana tuam.
Primus Amicorum tibi Schlomius, allia ructans
Verpus, et ille tibi cottidianus adest,
Aut illi socius prope cottidianus adhaeres,
Qui tecum ducit pocula, ludit, edit.
Turpior es turpi Iudaeo, Gargyle! Miror,
Quod te non videat Schlomius esse suem.

Gargylus: ein Kunstname, vielleicht eine Anspielung an einen ‚gargoyle‘, teufels- oder fledermausähnliche Wasserspeier an gotischen Gebäuden. – impurus: unrein.familiariter uti (m. Abl.).: (mit jmdm.) freund-schaftlichen Umgang pflegen.


v.1: sectari, or: nachjagen. sordes (Akk. Pl.): niedrigster Pöbel.lutum, i n.: Schlamm.sus, suis f.: Schwein.
v.2: maculare: beflecken.profanus, a, um: unheilig (pro fanum: vor dem Heiligtum [befindlich]).
v.3: Schlomius: Schlomo, Nebenform zum jüdischen Vornamen Salomo. – al(l)ium, i n.: Knoblauch. ructare: rülpsen.
v.4: verpus, i m.: ein Beschnittener; die Beschneidung gilt als die ‚nota Judaica‘ schlechthin. – cottidianus: tagtäglich.
v.5: illi: Dat. Sg. von ‚ille‘. – adhaerere: (an jmdm.) kleben.
v.6.: poculum: Becher. edere: essen, speisen.
v.7: turpior: Komparativ zu ‚turpis‘: schändlich. mirari, miror: sich wundern.
v.7-8: miror, quod … non videat: ein kausales ‚quod‘ nach Verben des Affekts mit obliquem Konjunktiv.

 

Aufgaben:

1) Informiere Dich über die antike Tradition der Invektive. Spottgedichte z. B. von CATULL (z. B. carm. 49 gegen CICERO oder carm. 93 gegen CAESAR) oder MARTIAL kennst Du vielleicht auch schon aus dem Lateinunterricht. Wo gibt es Unterschiede zur Schmähkritik, wie NEUHAUS sie praktiziert?


2) Wilhelm NEUHAUS versammelt viele Stereotypen der herabwürdigenden Judendarstellung, wobei er auf lange, auch vorchristliche Traditionen der Negativzeichnung von Jüdinnen und Juden (und mit denen befreundeten Menschen) zurückgreift:

a) Welche Speiseregeln kennt die jüdische Religion? Welche Bewertung hat das Schwein und Schweinefleisch im Judentum? Lies aus dem Alten Testament z. B. die Stellen Levitikus 11,7 und Deuteronomium 14,8.
b) Eine krasse Judendarstellung im Christentum ist die sogenannte „Judensau“. Der Wikipedia-Artikel bringt auch viel Bildmaterial. Was übernimmt NEUHAUS davon?
c) Lies den Artikel „Lauch, Zwiebel“ im Kleinen Pauly, Bd. 3 (1969), Sp. 517.


3) Aktuell gibt es eine Debatte über hate speech (Hassrede) als ein verbreitetes kritisches Phänomen in den sozialen Medien.

a) Informiere Dich über diese Debatte.
b) Was ist beim hate speech neu gegenüber der Juden- und Judenfreundpolemik bei Wilhelm NEUHAUS?

 

Erstellt von: Ruth IN DER HEGGEN (Q2) & Charlotte NÖCKER (Q2), Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (04/2022).

 

„Amsterdam, das Jerusalem des Nordens“

Wilhelm NEUHAUS (1674-1744) war ein in den klassischen Sprachen vorzüglich ausgebildeter Theologe calvinistischen, d. h. reformierten Bekenntnisses. Er unterrichtete 1701-1725 in Hamm/Westf. am Gymnasium Academicum, dem heutigen Gymnasium Hammonense, die Fä-cher Philosophie, Rhetorik und Geschichte, dazu auch Theologie. Im Jahr 1725 veröffentlichte er Otia parerga („In Mußestunden nebenbei verfasste Werke“), eine umfangreiche Sammlung seiner meist lateinischen Gelegenheitsgedichte. Eines seiner Gedichte (OP 9,105, S. 572), in dem er sich an seine Studienzeit in den Niederlanden erinnert, gibt interessante Einblicke in die Bedeutung Amsterdams für internationale ökonomische Kontakte unter Juden und deren Bedeutung für alltägliche Konsumgewohnheiten in Mitteleuropa, also auch in Westfalen.

 

De ALEXANDRO, judaeo Viennensi, Amstelodami commorante, studiosorum Groningiensium et Franekquerensium provisore, anno 1695.

Caffia, Thea virens, dulcis Chocolata, Tabacum:
Hae sunt deliciae, gens studiosa, tuae.
Has Groninganis merces et Franequeranis
Verpus Alexander vendidit, aera legens,
Mercibus hisce viros dum juvit Apella studentes
Verus Alexander, nomine reque fuit.

 

Alexander: ein Eigenname, der durch ALEXANDER d. Gr. weit bekannt wurde und den später auch viele Herrscher trugen. – Viennensis: aus Wien stammend, zu Wien gehörend.- Amstelodami (Lokativ): in Amsterdam. commorari: sich aufhalten. - Groningiensis: Adjektiv zu Groningen, einer nld. Universitätsstadt und Hochburg des Calvinismus. – Franequerensis: Adjektiv zu Franeker, einer nld. Universitätsstadt. – provisor, is m.: hier: Versorger.

v.1: virens: grün.
v.2: deliciae, arum f.: Lieblinge, Leckereien.
v.3: Groninganus: ein Mensch in Groningen.merces, ium f.: Waren. Franequeranus: ein Mensch in Franeker.
v.4: verpus, i m.: ein Beschnittener; die Beschneidung gilt als die ‚nota Judaica‘ schlechthin. – vendere, do, didi, ditum: verkaufen.aes, ris n.: (Münz-)Geld.legere: hier: sammeln.
v.5: hisce = his. – Apella: Apella; in der Antike ein beliebter Name jüdischer Freigelassener (s.u. Aufg. 3).

 

Aufgaben:

1) Informiere Dich über die internationale Situation der Juden im 17. Jahrhundert:

a) Kläre den Unterschied zwischen askenasischen und sephardischen Juden.
b) Nutze die Informationen (besonders zu den Dauerausstellungen) auf der Homepage des Jüdischen Mu-seums Wien (www.jmw.at).
c) Wie stellt sich die Situation der Juden in Amsterdam dar? Ein Infotext und ein Memory-Kartenspiel (S. 2-3) können Dir helfen.

2) Kaffee, Tee, Schokolade und Tabak sind typische Konsumgüter der Neuzeit:

a) Aus welchen Ländern bzw. Kontinenten kommen diese Waren. Sammele Informationen über die Rolle von Juden im Überseehandel.
b) Der Konsum dieser Waren galt als Statuszeichen gesellschaftlichen Wohlstands. Dass dies zu sozialen Streitigkeiten führte, die man gesetzlich zu regeln versuchte, erklärt Henning BOVENKERK, Als Kaffeetrinken verboten war, in: Westfalen/Lippe - historisch, 03/12/2021


3) NEUHAUS versammelt viele Stereotypen der herabwürdigenden Judendarstellung, wobei er auf lange, auch vorchristliche Traditionen der Negativzeichnung von Jüdinnen und Juden zurückgreift, so z. B. beim Namen Apella. Er ist im Alten Rom ein häufiger Name von Freigelassenen, besonders verbreitet bei jüdischen Freigelassenen; vgl. HORAZ, Sat. 1,5,100f.: credat Iudaeus Apella, / non ego („Dies glaube der [leichtgläubige] Jude Apella, ich aber nicht“; Übers. bei GEORGES, Lat.-dt. Hdwb. 1 [81913], 485: „Das glaube der Jude Itzig!“, d. h.: Dies glaube, wer will). Bereits der antike Horaz-Kommentator POMPONIUS PORFYRIUS (frühes 3. Jh.) weist auf einen konkreten Hintersinn des Namens hin: Commentum in Horatium Flaccum, ed. A. Holder 260,21f.: Urbanissimum nomen Iudaeo inposuit ‚Apellam‘ dicens, quasi quod pellem in parte genitali Iudaei non habe-ant. Erkundige Dich über heute gebräuchliche Vornamen bei jüdischen Männern und Frauen.

 

 

Zusatzinformation: Juden in Amsterdam: Die historische Entwicklung

In Amsterdam leben heute etwa 15.000 Juden und es gibt insgesamt neun Synagogen dort. Die Geschichte des jüdischen Lebens in Amsterdam reicht mehr als 400 Jahre zurück und ist eines der bedeutendsten jüdischen Zentren Westeuropas.
Nachdem 1579 für alle niederländischen Bürger die Glaubensfreiheit garantiert wurde, kamen die ersten Juden aus Portugal, um ihren Glauben dort frei zu leben. Zumeist waren sie wohlhabende Kaufleute, Mediziner, Gelehrte oder Rabbiner, welche die Wirtschaft im Land voranbrachten. 1602 wurde daraufhin dort die erste jüdische Gemeinde gegründet.

 

 

Auf Grund des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) kamen auch viele Juden aus Osteuropa nach Amsterdam, die ihre eigenen jüdischen Sitten und Bräuche mitbrachten. Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden viele Druckereien in der Stadt, was Amsterdam 1650 zur wohlha-bendsten Stadt Europas machte. Zudem wurden neue Synagogen erbaut.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts lebten ungefähr 20.000 Juden in Amsterdam, wodurch sie eine der größten jüdischen Gemeinden in Westeuropa war. Mit der Zeit ging dann auch die Bedeutung der verschiedenen jüdischen Herkünfte zurück, und durch die vollen Bürgerrechte, wel-che alle Juden 1796 erhielten, verschwand auch die Abgrenzung zu nichtjüdischen Niederländern.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, flohen auch viele jüdische Deutsche nach Amsterdam, wodurch der Anteil jüdischer Bürger mit ca. 75.000 auf 10% der Gesamtbevölkerung anstieg. Während des Krieges wurden nach mehreren Razzien sehr viele Juden verschleppt, und nach Ende des 2. Weltkrieges hatten gerade einmal 10.000 Juden in Amsterdam überlebt.

Weitere Informationen: https://www.juedischegeschichteamsterdam.de/

 

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Erstellt von: Ruth IN DER HEGGEN (Q2) & Charlotte NÖCKER (Q2), Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (04/2022).